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Anna Gavalda : Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet
Erzählungen; Hanser 2002

Durch die zwölf Erzählungen dieses Bandes wurde die 1970 geborene Anna Gavalda in Frankreich zur gefeierten Debütantin; jetzt läßt sich dieser neue Ton der französischen Literatur erstmals in deutscher Übersetzung entdecken. Präsentiert wird ein Spektrum (zwischen-)menschlicher Absurditäten und Abgründe, das nie ungebrochen, sondern immer durchzogen ist von milder Ironie oder Melancholie. Mühelos variiert Anna Gavalda mit den Themen und Perspektiven auch die Fallhöhen ihrer Figuren; es sind die Genauigkeit der Beobachtung und der leichte Ton ihrer Darbietung, die den Reiz dieser Erzählungen ausmachen und diese so zu einem Ganzen runden
Alex Capus : Fast ein bißchen Frühling
Roman; Residenz 2002

Um ihre Flucht aus dem Nazideutschland der dreißiger Jahre zu ermöglichen, überfallen zwei arbeitslose junge Männer mehrere Banken; es ist ein weiter Weg von Wuppertal nach Indien. Doch schon in Basel unterbrechen sie die Fahrt, als sich einer der beiden in die Schallplattenverkäuferin eines Kaufhauses verliebt. Mit ihr und ihrer Freundin, einer Verkäuferin für Sportartikel (der späteren Großmutter des Erzählers), geht man nächtelang am Rhein spazieren, für den Augenblick lebend und befangen in einer aussichtslosen Liebe. Denn das Mädchen aus der Schallplattenabteilung ist verlobt; nach einem weiteren Überfall der beiden muß sie eine Entscheidung treffen.
Alex Capus präsentiert die authentische Geschichte der beiden Bankräuber Kurt Sandweg und Waldemar Velte als reportagehaften Roman, der sehr geschickt die Balance hält zwischen der Spannung der Kriminalhandlung, der rührenden Komik im Umgang der verschiedenen Paare miteinander und der Trauer über verfehltes und verlorenes Glück.
T. C. Boyle: Ein Freund der Erde.
Hanser 2001

T. C. Boyle: Ein Freund der ErdeNach der "Wassermusik", Boyles Erstling, war es schwer, an diesen Erfolg anzuknüpfen. Nach einigen schwächeren Büchern liegt jetzt mit "Freund der Erde" endlich wieder ein richtig guter Roman vor: düster, stark komisch, eigenwillig und sehr unterhaltsam.

Leon de Winter: Leo Kaplan
Diogenes 2001

Leon de Winter Leo KaplanIn Holland schon 1986 erschienen, zeigt dieser große Liebesroman de Winter auf der Höhe seiner Kunst. In einer Achterbahnfahrt zwischen Trivialitäten und großer Literatur bringt de Winter einen Künstlerroman, eine männliche Identitätskrise und eine Betrachtung über das Wesen der Liebe unter.

Wolfgang Rüb: Konzert für Stubenfliege und Orchester.
Reclam 2001

Bei diesem "Konzert für Stubenfliege und Orchester" von Wolfgang Rüb kommt der wahre Klassik - Fan auf seine Kosten. Mit dem ersten Treffen von Wilfried und Helene, einem verheirateten Werksarbeiter und einer belesen-behörten Geigerin, wird der Leser in die unendliche Welt der klassischen Werke eingeführt. Wilfried verliebt sich in Helene und ihre Empfehlungen der Musik. Er folgt ihr kurzweilig in die ihm bis dahin fremde Lebensart der Musiker.

Anne Fine: Familienspiel.
Diogenes 2000

Am Anfang versteht keiner der fünf Schüler warum ausgerechnet sie bei dieser Klassenreise ein Zimmer teilen sollen. Durch einen geheimnisvollen Tagebuch - Fund ermutigt, erzählen sie sich nacheinander jeweils ihre nicht ganz klassischen Familiengeschichten. Schwiegermütter, Stiefväter und diverse Halb - Geschwister, die meisten leben in einer Patchwork - Familie, das haben sie alle mit dem Autor des Tagebuches gemein. Ideenreich und doch realistisch, hervorragend von Anne Fine erzählt bekomme ich wie immer das Gefühl dabei gewesen zu sein.

Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen.
Die Erinnerungen 1914-1933. DVA, 240 S., DM 39,80

Durch Zufall nach seinem Tod entdeckt: Die Aufzeichnungen des großartigen Publizisten aus dem Jahre 1939 über seinen Weg aus dem Elternhaus in´s Exil. Ein lohnenswertes Buch.
Sebastian Haffner: Erinnerungen

David Baddiell: Was man so Liebe nennt.
Roman. Kunstmann, 335 S., DM 39,80

Das zweite Buch des britischen Comedy-Stars. Diesmal ernsthafter in der Sache, nicht jedoch im Ton. Es geht um eine leidenschaftliche Affaire, die an dem Tag von Lady Di´s Tod beginnt und in einem Desaster endet. Nach frivolem Beginn - man fühlt sich an Philip Roth erinnert - wird das Buch mehr und mehr zu einer Meditation über das Wesen der Liebe und den Tod, mit einem echten Knalleffekt gegen Ende.

Andre Schiffrin: Verlage ohne Verleger.
Über die Zukunft der Bücher. Mit einem Nachwort von Klaus Wagenbach. Wagenbach Tb., 125 S., DM 17,80

Die wenigsten Leser heutzutage achten darauf, aus welchem Verlag ein Buch kommt. Kein Wunder, schließlich ändern die meisten Verlage ihr Profil ständig, werden neue Namen präsentiert, nur um bald wieder zu verschwinden, sind sich die Programme teils zum Verwechseln ähnlich. Der wichtigste Grund dafür ist, daß die großen Konzerne zunehmend das Geschäft mit den Büchern beherrschen, und da regiert die Logik des Geldes. Andre Schiffrin, großer alter Mann des amerikanischen Verlagswesens, beschreibt die Entwicklungen, die in den USA schon Wirklichkeit sind und es in Europa bald werden. Eine wichtige und kluge Streitschrift zu den Themen Ladenpreisbindung, Medienkonzentration und Zukunft der Bücher.

Roberto Bolano: Die Naziliteratur in Amerika.
Roman. 238 S., Kunstmann Vlg. Geb. DM 39,90


Ein finster funkelnder Heidenspass des Autors von "Der Stern in der Ferne". Ein Lexikon, daß 30 fiktive Schriftsteller aus ganz Amerika vorstellt, die allesamt Nazis sind. Fachistische Künstler auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Keine leichte Kost, aber großartige Literatur.

 



Frank Sommerkamp, Buchhändler in St. Georg empfiehlt:
Henning Ahrens : Lauf Jäger lauf . Roman; Collection S. Fischer 2002
Einer zieht die Notbremse und steigt auf freier Strecke aus; er will den Fuchs jagen, doch der folgt John Schmutz, bei dessen "Widergängern" sich der Jäger Oskar Zorrow, der Ausgestiegene, unversehens vor dem Kamin findet, zuerst gefesselt, dann im grünen Kleid aus Leinen. Schmutz, der Maler und die Augenklappe Ohneland, der Vollbart und Vera, die Kastanienbraune: sie sind die letzten Bewohner des Hinterlands, des Nebellands der Phantasie, dessen Schlierengrenzen die Erinnerung umgreifen und keine Flucht erlauben. Doch Erk, der noch die letzten Widergänger zu erlegen sich vornahm, bildet eine ständige Bedrohung, die sich in kaum erwartbarer Form offenbart. . . Henning Ahrens' Romandebüt ist ein literarisch anspielungsreiches Phantasiestück, dessen Größe sich zeigt auf kleinem Raum und im Detail; denn hier verbindet sich eindrucksvoll eine sehr ernsthafte Komik mit einer beinahe fulminanten Lässigkeit des Ausdrucks. Zu entdecken ist ein Roman von großer sprachlicher Kraft und Eigenwilligkeit, die nicht zuletzt auf einem enormen Gespür für sprachlichen Rhythmus beruhen.